Die Umsetzung

Es gehört wohl zur Eigendynamik jeder Art des Zusammenschlusses, die eigene Rolle zu positiv zu sehen und in der Selbstanalyse nicht kritisch genug vorzugehen. Sicherlich kann sich dem auch die Maurerei nicht entziehen, obwohl die kritische Nabelschau eine masonische Veranstaltung ist, die sich ständig auf dem Programm befindet. Die eigentlich kardinale Frage dabei, ob die Freimaurerei in der Regel dem ihr Angehörenden einen wirksamen und erkennbaren humanen Impetus verschafft –, läßt sich zwar heiß diskutieren, aber kaum ernsthaft beantworten, denn solche Evaluierung hängt zu sehr vom verwendeten Maßstab und von persönlichen Erfahrungen ab.

Immer wieder Kritik innerhalb und außerhalb des Bundes findet der Umstand, daß es nicht eine, sondern mehrere "Weltfreimaurereien" gibt. Ich spiele damit insbesondere auf die "englische" und die "französische" Freimaurei an. Nahezu alle Großlogen und Logen gehören einer der beiden genannten Spielarten an, die sich inhaltlich und stilistisch nicht unbeträchtlich unterscheiden. Anfechtbarer als die inhaltlichen Gegensätze scheint mir dabei, daß trotz Unterschieden ein brüderliches Zusammenwirken gefunden werden konnte, etwa in dem Sinne, daß Unterschiede auch eine Bereicherung darstellen können. – Während die von der "Vereinigten Großloge von England" als Muttergroßloge abhängenden Großlogen traditionelle rituelle Formen strenger übernehmen und insbesondere die Bibel als Zeichen der geheiligten Tradition und Weisheit als Symbol im Tempel verwenden, wird dies bei den Großlogen, die sich an den "Grand Orient de France" angeschlossen haben, nicht getan. Abgesehen von solchen allgemeinen Unterschieden ist der Stil der Maurerei von Land zu Land sehr unterschiedlich, auch die soziale Zusammensetzung der Logen und der geistige Inhalt der Arbeiten.

Wenn man von der Verwirklichung der masonischen Ideen heute spricht, muß man auch erwähnen, daß das Gedankengut der Maurerei in den drei Graden der Johannesmaurerei und den weit zahlreicheren Graden der Hochgradmaurerei umgesetzt wird. Diese Hochgradsysteme und die dreigrädige Maurerei stehen dabei nicht im Gegensatz, sondern ergänzen einander. So ist etwa beim "Alten und angenommenen Schottischen Ritus", dem wichtigsten Hochgradsystem, die Mitgliedschaft in einer "blauen", das heißt in den drei sogenannten "Johannesgraden" arbeitenden Loge, Voraussetzung. Der Ausdruck "blaue Freimaurerei" für die dreigrädige Johannesmaurerei und "rote Freimaurerei" für die Hochgradmaurerei bezieht sich auf die in diesen Systemen dominiernden symbolischen Farben. – Was aber ist der Sinn dieser Differenzierung? Nun, die ursprüngliche Einteilung in die Grade Lehrling, Geselle und Meister dient dazu, den Lebensweg in Erkenntnisstufen aufzuteilen. Erfahrungen und Lehren können nicht alle auf einmal gezogen werden. Jede Entwicklung, insbesondere jede Persönlichkeitsentwicklung, braucht Zeit und vollzieht sich Schritt für Schritt. Diese Art des menschlichen Fortschrittes wird durch die Gradeinteilung unterstützt. Das masonische Denkgebäude kann nun in mehr und kleinere Stufen aufgeteilt werden, und dies ist die Erklärung der vielen Grade. Diese bedeuten nicht zuletzt, daß die drei ursprünglichen Grade niemals wirklich überwunden werden, sondern auf höherer Ebene immer wiederkehren, daß man also nie aufhört, Lehrling zu sein und daß immer wieder die Möglichkeit besteht, einen weiteren Schritt nach vorn zum Gesellen und Meister zu machen – und daß man dennoch, von höherer Warte betrachtet, wiederum nur Lehrling ist. Der Weg des Maurers ist in diesem Sinn nie zu Ende, und die Hochgrade sind kein Gegensatz zu den ursprünglichen Graden, sondern ihre Ergänzung, oder weitere Interpretation.

Besondere Kritik findet heute der Umstand, daß Freimaurerei – zumindest bis in die unmittelbare Gegenwart – eine reine Männersache geblieben ist. Tatsächlich scheint mir durchaus diskutierbar, ob Maurerei nur als Männerbund sinnvoll ist. Dies ist wohl nicht der Fall. Die in Symbol und Ritual entworfenen Inhalte sind allgemeinmenschlicher Natur und nicht geschlechtsspezifisch. Die Umsetzung der maurerischen Ideen läßt sich sowohl in reinen Männer-, wie Frauen- und gemischten Gruppen denken. Tatsächlich gibt es Freimaurerei heute – auch in Österreich – in allen diesen drei Formen. Die Atmosphäre einer reinen Männergruppe, einer reinen Frauengruppe und die einer gemischten Loge werden dabei sicherlich unterschiedlich sein, doch vermutlich dürfte es sich dabei um bereichernde, ergänzende Unterschiede handeln. Wahrscheinlich ist dabei für eine Frauenloge der Umgang mit der masonischen Tradition und manchen masonischen Formen, die eben von Männer geprägt wurden, nicht problemlos, doch handelt es sich dabei um ein sehr allgemeines Problem, das ja für weite Teile des kulturellen Erbes überhaupt gilt. – Es scheint mir wichtig, daß die erwähnten drei Modelle miteinander koexistieren, wenngleich offizielle Beziehungen zwischen ihnen nicht bestehen. Eine reine Männer- oder Frauenloge ist meines Erachtens nicht als diskriminierend anzusehen, solang sie eben nicht in Gruppen- und Geschlechtschauvinismen verfällt.

Wenn nun schon ganz pragmatisch von verschiedenen Erscheinungsformen heutiger Maurerei die Rede war, so muß die Frage nach der Wirkung des Freimaurerbundes nochmals gestellt werden. Die Rolle der Loge und des masonischen Rituals für die Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Bruders wurde schon erwähnt und in diesem Zusammenhang auch festgestellt, daß die Wirkung nach außen nicht kollektiv erfolgt, sondern durch den einzelnen Bruder. Diese Behauptung läßt sich dabei an Hand der Inhalte der Freimaurerei sicherlich belegen, doch schließt das nicht aus, daß darüber hinaus oder auch im Gegensatz zum eigenen Programm doch eine gemeinsame Außenwirkung der Logen gegeben wäre. Das ist ein häufiger Vorwurf, der nicht immer nur polemisch gemeint ist. – Hier muß man nun zwei Dinge säuberlich trennen: es läßt sich sicher nicht ausschließen, daß z. B. durch eine Diskussion an der "Weißen Tafel" über ein bestimmtes Thema die Meinungen der daran teilnehmenden Brüder stark verändert wird und die Meinungsänderung dann außerhalb des Tempels ihre Wirkung hat oder daß sich Menschen auf dem Boden der Freimaurerei kennenlernen und sich diese Kontakte auch außerhalb fortsetzen. Das verhindern zu wollen, wäre ebenso unsinnig wie unmöglich. Jedes Kaffeehausgespräch kann in ähnlicher Weise Wirkung haben, jede Freundesrunde, jeder Verein, jede Familie. – Falsch ist hingegen die Annahme, daß sich etwa eine Loge darauf einigen könnte, in irgendwelchen wirtschaftlichen oder tagespolitischen Angelegenheiten eine konzertierte Aktion zu starten. Dies ist nicht nur durch verschiedene Regeln der Maurerei untersagt – etwa das Verbot, über Parteipolitik zu reden –, sondern insofern schwer möglich, weil die Bauhütten aus sehr unterschiedlich orientierten Personen zusammengesetzt sind – unterschiedlich, was die Weltanschauungen, politischen Orientierungen, Religionsbekenntnisse, Interessen, ja auch das Lebensalter betrifft. Diese meist eher ausgeprägten Individualisten zu einer einheitlichen politischen Linie zu bringen, ist daher geradezu aussichtslos. Daß Einzelne die Maurerei als Deckmantel verwenden oder daß vielleicht einmal auch eine Loge durch irgendwelche Umstände in ein anderes Fahrwasser gerät, läßt sich natürlich nicht völlig ausschließen, ebensowenig wie etwa ein Polizist, der stiehlt. – Auch die in der Öffentlichkeit oft angestellten Spekulationen, daß Zugehörigkeit zu den Freimaurern Vorteile in bezug auf Karriere und Geschäft bringe, sind wohl übertrieben, oder an untypischen Einzelfällen orientiert. Denn der spezielle Zuschnitt freimaurerischer Arbeit fördert beruflich-materiellen Ehrgeiz nicht gerade. Die Atmosphäre der Loge ist ja darauf angelegt, geistige und ethische Belange über materielle Interessen und eine materialistische Orientierung zu stellen und Selbsterkenntnis zu erleichtern. Alles in der Bauhütte und im Ritual dient dazu, einem die eigenen Motive und Antriebe besser erkennen zu lassen und darüber auch mit den Mitbrüdern freier zu sprechen, als dies andernorts üblich und möglich ist. Ein bloßer "Geschäftsmaurer" sollte sich dabei bald in peinlicher und exponierter Lage finden. Immerhin, ganz ausschließen läßt sich eine solche mißbräuchliche Verwendung der Maurerei nicht. Dies gehört zu den Problemen, die jedwede Art von Zusammenschluß hat. – Eine andere, ebenfalls allen vereinsartigen Bünden inhärente Gefahr ist das Abgleiten in Vereinsmeierei und kleinkarierte Wichtigmacherei einzelner oder vieler ihrer Mitglieder. Auch davor ist die Maurerei nicht gefeit. Ein solches Versanden kann nur immer wieder neu bekämpft, aber nicht ein für allemal überwunden werden.

Ein guter Teil der Verdächtigungen, die die Maurerei betreffen, sind wohl von der Verschlossenheit veranlaßt, die die Brüder und Logen gewöhnlich an den Tag legen. Zwar wurde schon gesagt, daß es sich nicht eigentlich um eine geheime, sondern geschlossene und private Gesellschaft handelt, doch betrifft die "Zugeknöpftheit" der Maurer ja nicht nur das rituelle Geschehen im Tempel, sondern geht darüber hinaus und verbirgt insbesondere die Zugehörigkeit zum Bunde selbst. Die Folge sind immer wieder Spekulationen in der Öffentlichkeit, daß eine bestimmte Person "dabei" sei, eine andere auch, eine dritte ebenfalls und so weiter. – Dazu ist nun zu sagen, daß Öffentlichkeitsscheu keineswegs ein allgemeinmasonisches Signum ist. In den angelsächsischen Ländern etwa ist von solcher rigoroser Verschlossenheit keine Rede. Es steht außer Zweifel, daß besonders in Österreich die Freimaurer das Licht der Öffentlichkeit noch mehr scheuen als sonstwo. Das hat freilich Gründe, die in den historischen Erfahrungen der Maurer in unserem Lande begründet sind.

Die masonische Geschichte Österreichs ist eigentlich eine Kette von Verfolgungen und Unterdrückungen: Schon die erste Loge in Osterreich – "Aux trois canons" – wurde im Jahr 1743, ein Jahr nach ihrer Gründung, auf Befehl der Kaiserin Maria Theresia ausgehoben, obwohl deren Gemahl Franz Stephan selbst Freimaurer, ja der erste gekrönte Monarch überhaupt war, der dem Bunde angehörte. Wenige Jahre später, in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, blühten die Logen neu auf. In dieser Zeit fungierten die Wiener Bauhütten als eine Art Akademieersatz und als ein Zentrum aufklärerischen Denkens. Schon von Joseph II. reglementiert, erfolgte unter Franz II. in den neunziger Jahren das Verbot der Maurerei. In den folgenden Jahrzehnten bis 1848 bestand keine Maurerei in Osterreich; für die Metternich'sche Geheimpolizei stellten dennoch gerade "maurerische Umtriebe" ein besonderes Feindbild dar. Während der Revolution von 1848 gab es kurz eine Loge, die nach der Niederschlagung der Revolution zu Bestehen aufhörte. Erst mit dem Beginn der Demokratisierung der Monarchie ab 1867 waren wieder Voraussetzungen für Logengründungen gegeben, allerdings nur im ungarischen Teil der Monarchie. Die Wiener Freimaurer hatten daher bis 1918 ihre "Grenzlogen" im grenznahen ungarischen Raum, vor allem in Preßburg. Noch immer befand sich die Maurerei in halber Verbannung, Beamte mußte per Eid versichern, ihr nicht anzugehören. In diesen Jahrzehnten mußten die Logen eine besondere Selbstdisziplin in bezug auf die Öffentlichkeit lernen. Neben dem Unwillen des Staates selbst, die Freimaurerei, die de facto bestand, auch wirklich anzuerkennen wie jeden anderen Verein, gab es immer wieder Angriffe verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, um die Jahrhundertwende insbesondere von Klerikalen, später vor allem durch völkisch-nationale Kreise. – Nach 1918 konnte sich die Freimaurerei einige Jahre hindurch ungestörter Existenz erfreuen, doch schon 1934 griff der autoritäre Staat ins Logenleben ein, und Beamte mußten aus den Logen austreten, um nicht ihre Arbeit zu verlieren. 1938 schließlich wurden die Logen vom Nationalsozialismus, der sie als einen Hauptfeind ansah, brutal und sofort zerschlagen. Unzählige Freimaurer wurden in der Folge von dem Unrechtsregime ermordet. – Nach diesem Abriß der Geschichte – der natürlich nur einen Aspekt der masonischen Vergangenheit herausgegriffen hat – dürfte klar sein, daß ein solcher Hintergrund Auswirkungen hat und auch auf die heutige Freimaurergeneration mitprägend wirkt. – Zwar wird im Freimaurermuseum Schloss Rosenau bei Zwettl seit vielen Jahren versucht, über die Maurerei zu informieren, und es gibt auch eine recht große Literatur zu diesem Thema in den Buchhandlungen, aber Vorurteile bestehen weiter. So könnten immer noch viele Freimaurer berufliche Nachteile erleiden, würde ihre Mitgliedschaft bekannt. Sicherlich ist dies kein idealer Zustand, und es ist wohl zu Wünschen, daß die masonische Verschlossenheit einmal aufgegeben werden kann. Wahrscheinlich wird dies aber noch einige Zeit dauern.

Ein letzter, nicht unwichtiger Aspekt der Umsetzung der Freimaurerei heute ist ihre altersmäßige Zusammensetzung. Wenngleich sicher der größte Teil der Mitglieder oder jener Brüder, die etwa regelmäßig am Logenleben teilnehmen, "mittleren" Lebensaltern zuzuzählen ist, sind doch auch junge Menschen, ab Mitte Zwanzig, ebenso in den Bauhütten vertreten wie alte und ganz alte. Dies ist in vieler Hinsicht, etwa auch bei Diskussionen, wichtig und zeitigt positive Ergebnisse. Die Freimaurerei ist auch ein Ort der Begegnung zwischen jung und alt.