Freimaurerei als Erlebnis

Die häufigen Fehleinschätzungen der Freimaurerei haben unter anderem den Grund, dass man über Erlebnisse schwer adäquat berichten kann. Wer von einem faszinierenden Frühlingsspaziergang durch einen Wald zurückkehrt, wird Schwierigkeiten haben, Zuhausegebliebenen eine Vorstellung vom Reiz dieser Tour zu geben. Ein schriftlicher Bericht darüber ist – wenn einem nicht gerade dichterische Fähigkeiten zu Gebote stehen – noch schwieriger. Das Wesentliche ist in diesem Fall, selbst den Wald, den Frühling zu erleben, und ähnlich ist es mit den freimaurerischen Ritualen und Arbeiten: die Beteiligung, das Selbstmittun ist das wichtigste. Von außen betrachtet ist die masonische Arbeit eine komplexe Interaktion von Personen, die verschiedene Funktionen ausüben und sich bestimmter Regeln bedienen, ohne dass der Sinn des Ganzen offensichtlich wäre. Den daran Teilnehmenden hingegen erscheint sie sinn- und bedeutungsvoll.

Dieses Geschehen im Tempel ist keine religiöse Zeremonie, kein Kult, sondern eine Art von geistig-spiritueller Übung, von der die Beteiligten glauben, daß sie ihnen bei ihrer Persönlichkeitsentfaltung hilft. Ob dies stimmt und in welchem Ausmaß dies zutrifft, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist es keine Sache, die für Zuschauer gedacht ist.

Wenn ältere Leute gymnastische Übungen durchführen, kann dies für Betrachter lächerlich wirken und hat doch für die Übenden einen guten Sinn. Darin liegt ein wesentliches Motiv dafür, warum die Freimaurer im geschlossenen Kreis arbeiten, nicht, weil es so schrecklich geheim wäre, was im Maurertempel geschieht: Wer sich ernstlich dafür interessiert, findet in den großen öffentlichen Bibliotheken die kompletten Texte der Rituale, Aufschluss über Symbole, über masonische Organisationsformen usw. Die maurerische Arbeit ist nicht geheim, sondern sie ist privat.

Wenn man sich vornimmt, an sich selbst zu arbeiten, kann man das nicht vor Publikum durchführen, und sei dieses auch wohlgesinnt. Ein solches Beginnen ist privat wie das Gespräch mit dem Arzt, die Beichte, das vertraute Gespräch im Freundeskreis. – Wenn dennoch immer wieder von einem "Geheimnis der Freimaurerei" die Rede ist, so sind damit nicht irgendwelches Geheimwissen, irgendwelche esoterischen Schätze gemeint, sondern eben der Umstand, dass man Freimaurerei adäquat nur begreift, wenn man sie selbst ausübt.

Es ist dies eine Problematik der Optik, die ja auf vielen Gebieten auftritt, oft aber nicht in ihrer ganzen Schwere erkannt oder akzeptiert wird.

Es ist etwas ganz anderes, ob man z. B. wissenschaftliche Schmerzforschung betreibt, oder ob man selbst Schmerzen hat. Der Schmerzforscher mag noch so viel über das Phänomen des Schmerzes wissen, er bleibt doch an der Außenseite des Phänomens und vermag die Innenseite erst wahrzunehmen, wenn er selbst Schmerzen hat.

Erlebnisse prägen; sie haben oft stärkere Wirkung als Wissen und Vorsätze. Die Freimaurerei wirkt also, freilich in einer etwas anderen Art, als meist angenommen wird. Sie wirkt nicht als Kollektiv, als Verein, sondern sie wirkt auf den einzelnen Freimaurer, und durch den einzelnen Freimaurer. – Die geistigen Übungen, die das masonische Ritual ausmachen, zielen darauf ab, dass der einzelne Bruder an sich selbst arbeitet. Er ist der "rauhe Stein", den er bearbeiten muss. Das Ziel ist dabei ein durchaus konkretes: Der Maurer soll im Alltag humaner agieren. Ob dies nun erreicht wird oder nicht, es ist jedenfalls der Sinn der masonischen Bemühungen.

Die Loge ist eine Art Übungsstätte für den Alltag, keineswegs ein Wolkenkuckucksheim, in das man sich verkriecht, um die böse Welt zu vergessen. Die Rituale dienen dazu, die daran Teilnehmenden sensibler zu machen und es ihnen zur Gewohnheit werden zu lassen, in humanen Bezügen zu denken. Die Loge ist ein Modell der Welt, und das Verhalten in der Loge soll ein Training für das Verhalten in der Welt sein. Diese Intention wird freilich oft nicht oder in nicht befriedigendem Ausmaß erreicht. – Freimaurerei ist also eine bestimmte Methode der Selbsterziehung, ein geistiges Handwerk. Sie ist Methode, eine Methode unter vielen, ein menschwürdiges Leben zu führen. Sie ist kein Heilsweg, keine Königsstraße zum richtigen Verhalten. Sie ist ein Weg unter vielen möglichen. Wenn man diesen Weg wählt, muß einem diese Methode, liegen. Wenn daher jemand neu beitreten möchte, ist neben anderem eben auch darauf zu achten, ob dem Kandidaten die widerspruchsvolle Mischung von Rationalismus und Symbolik anspricht, ganz abgesehen vom Bekenntnis zu Menschlichkeit und Toleranz.

Vielen Menschen sind andere Wege adäquater, und man kann glücklicherweise auf sehr verschiedene Weise ein humaner Mensch sein. Um die freimaurerische Methode mit Erfolg anwenden zu können, muss man außerdem wohl ein "Suchender" sein, also jemand, der mit sich und für seine Mitmenschen etwas tun will, jemand, der aktiv sein und über die bloße Bedürfnisbefriedigung hinausgehen möchte. Man muss etwas wie einen spirituellen Mangel fühlen, der nach Gleichgesinnten, nach anderen Suchenden, und nach humanen Aufgaben suchen lässt.