Freimaurerei - Versuch einer Beschreibung

von Rainer Hubert

Könnte es sein, daß die Freimaurerei gar nicht existiert? Ist sie vielleicht eine geschickt ersonnene Fiktion aus einem Roman von Umberto Eco oder Robert Anton Wilson, eine literarische Erfindung, wie es – vielleicht – einst die Rosenkreuzer waren, eine Fiktion mit der Eigenschaft, sich selbst zum Faktum zu machen?

Solche Überlegungen sind nicht nur vom gerade aktuellen literarischen Spiel mit der Verschwörungstheorie, mit Templern, Freimaurern, und Illuminaten beeinflußt, sondern auch vom Umstand motiviert, daß sich in der Öffentlichkeit die unterschiedlichsten, einander oft aufs absurdeste widersprechenden Ansichten über die Freimaurerei zusammenstellen ließen: die Freimaurerei als immens mächtige geheime Organisation mit Fingern in allen politischen und wirtschaftlichen Suppen, als harmlos-veraltete Vereinsmeierei, die Freimaurerei als Gegenkirche, als jüdisch-bolschewistische oder -kapitalistische Verschwörung, als kindische Selbstinszenierung nur scheinbar Erwachsener oder auch als Satansbruderschaft.

Selbst wenn man die offenkundig unseriösen Meinungen beiseite tut, ist die Bandbreite dessen, was über die Freimaurer und ihren Bund gesagt wird, ungewöhnlich groß. Diese Unklarheit übt dabei einen gewissen Reiz aus; die schillernde Vielzahl einander widersprechender Urteile wirkt provozierend, und die Geheimhaltung, die zurecht oder zu Unrecht mit ihr assoziiert wird, gibt ihr für viele Betrachter einen geradezu obszönen Haut gout. – Freimaurerei ist so ein Thema, das Interesse weckt, das neugierig macht und zu sensationellen Enthüllungen und Interpretationen herausfordert, auch wenn diese "Sensationen", näher betrachtet, enttäuschen und nichts oder wenig mit dem Phänomen der Freimaurerei zu tun haben.

Gewiß trägt die geringe Öffentlichkeitsarbeit der Freimaurer selbst, gerade in Österreich, einen Teil der Schuld an dieser Situation. - Dieses unklare Erscheinungsbild der Freimaurerei ist dabei aber nicht nur Ergebnis dieser Verschlossenheit, auf deren Gründe noch näher einzugehen ist, sondern auch strukturell bedingt, das heißt, daß es sich bei der Maurerei um eine Sache handelt, über die man schwer objektiv berichten und diskutieren kann, weil ihr eigentlicher Inhalt das Erleben der einzelnen Freimaurer ist. Wer ein Erlebnis von außen schildert, bleibt an der Oberfläche, wer es von innen darzustellen versucht - und vor diesem Problem steht auch der Autor - kann nicht distanziert und objektiv sein, sosehr er sich darum bemüht.

Darin liegt auch eine der Hauptschwierigkeiten, wenn man die Freimaurerei zum Gegenstand einer Ausstellung macht: Man zeigt allerlei seltsame Objekte, von denen viele schön, formal und kunsthandwerklich interessant, historisch bedeutsam sein mögen, die das eigentliche Phänomen aber nicht erklären. Das ist etwa so, wie wenn jemand, der nie Musik gehört hat, durch eine Ausstellung von Musikinstrumenten geführt wird: worum es bei dem ganzen eigentlich geht, wird ihm unklar bleiben.

Vor dieser Problematik stehend, wurde bei der Neuaufstellung des Freimaurermuseums im Schloss Rosenau bewußt versucht, über das Ausstellen von Exponaten hinauszugelangen und die Erlebnisdimension darzustellen, also Lebensgefühl und Erlebnisweisen der Freimaurer als solche anzusprechen und dabei auch darauf hinzuweisen, daß vieles in der Freimaurerei Ähnlichkeiten mit anderen Traditionen hat und menschliche Grundstrukturen widerspiegelt. So etwa, daß die Aufnahme in die Maurerei eigentlich eine "Initiation" ist, wie sie in vielen Kulten und Kulturen gebräuchlich ist und wie sie auch bei uns, in sehr verwaschener Form, bei manchen Gebräuchen noch feststellbar ist. – Auch solche Hinweise und Bezüge können nicht mehr tun, als gleichsam eine Stimmgabel anzuschlagen den Ton muß jeder für sich aufnehmen und für sich zu interpretieren trachten.

Neben die Objekte, die das historische und aktuelle Wirken der Maurerei zeigen, und neben diesen Versuch, Erlebnishaftes zu vermitteln, muß aber auch das erklärende Wort treten.