Inhalte der Freimaurerei

Es war schon viel die Rede vom humanen Verhalten, von Menschlichkeit und Arbeit an sich selbst. – Das sind vielgebrauchte, vielleicht auch stark abgebrauchte Formulierungen, die phrasenhaft klingen können. Man muß versuchen, näher zu beschreiben, was darunter im Sinne der Freimaurerei zu verstehen ist.

Immer schon hat die kritische Analyse für die Freimaurer eine wesentliche Rolle gespielt. Die Welt soll mit Mitteln des Verstandes ausgelotet werden. So gesehen, stehen die Logen in der Tradition des Rationalismus und der Aufklärung. Sie haben ihre Rolle in der Entwicklung des modernen, aufgeklärten Weltbildes gespielt. Es wäre aber ein großer Irrtum, zu glauben, daß damit die Bemühung des Freimaurers um Aufklärung schon erschöpft wäre. Aufklärung ist nicht etwas, das ein für allemal erworben wird, und das dann unangefochten seinen Bestand hat. Wir merken dies gerade heute allerorten. Neben den äußeren Bedrohungen, denen Aufklärung zu allen Zeiten ausgesetzt ist, kommt jene innere Dynamik von Aufklärung, jene Gefahr ihrer Verdünnung, ihres Umkippens ins Gegenteil, die Horkheimer und Adorno so eindruckvoll und drastisch beschrieben haben: Den Weg von der Vernunft zur Rechenhaftigkeit, vom Sinn zum Nutzen, zur Zerstörung der Qualitäten, zur Entfremdung von der Natur und zur völligen Abstraktion. – Das Menschenbild der Freimaurerei wird nicht allein vom Verstand definiert, ja es wird überhaupt nicht definiert; jeder muß für sich mit Hilfe seines kritischen Verstandes und unter Verwendung der Werkzeuge, die Symbol und Ritual darstellen, darüber nachdenken. Symbole sind dabei nicht einfach Zeichen, die man vereinbart hat und deren Inhalt genau angegeben werden könnte. Symbole komprimieren gleichsam komplexe Grundgegebenheiten der Welt und des Lebens und drücken sie in einer Weise aus, die die Sinne, das Gefühl, das ästhetische Empfinden anspricht.

Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, so haben sie eine sehr konkrete, sehr individuelle, sehr verbindliche Aussage. Sie ergänzen die rationale Analyse, die zu immer größerer Abstraktion neigt und die Gefahr in sich birgt, über der Humanität schlechthin den einzelnen Menschen zu vergessen. – Das Instrumentar von Symbol und Ritual bezieht den Menschen in seiner Ganzheit ein: daß also der Mensch nicht nur ein Denkender, sondern auch Fühlender, Schauender, Hörender ist. – In der Loge werden diese Seiten des Menschen durch Worte, durch Zeichen und Objekte und Geräusche angesprochen und geübt. Die Maurerei zielt so auf den ganzen Menschen. – Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen ihres kritischen Rationalismus, enthält die Maurerei auch das Wissen, daß der Mensch mehr ist als sein Verstand. Das alle masonischen Vorstellungen zusammenbindende Bild vom "Tempel Salomonis", den es zu errichten oder wiederzuerrichten gilt, bringt dies vielleicht am besten zum Ausdruck: es ist ein gemeinsames Werk der Freimaurer, ja eigentlich aller Menschen; die Menschen werden hier als kreative, an Schönheit und Weisheit orientierte Wesen aufgefaßt, die nicht den Himmel stürmen wollen – wie dies beim Gegenbild des " Turmbaus zu Babel" der Fall ist –, sondern dem Menschen ein menschliches Haus schaffen möchten. Dies ist aber kein Programm, daß sich allein mit dem Verstand bewältigen ließe. Es bedarf einer Vernunft, die Verstand und Gefühl, Analyse und Intuition in einer fruchtbaren Spannung integriert. Der Turmbau zu Babel scheitert im Chaos und an Sprachverwirrung, weil die Bauleute rein verstandesmäßig miteinander kommunizieren. Die Freimaurer meinen, daß ihr Tempelbau einer solchen Gefahr nicht unterliegt, weil neben den verbalen Informationsaustausch auch die brüderlichen Gefühle füreinander treten und die Symbole und Zeichen, die auch dort eine Verständigung ermöglichen, auch dort noch Richtung und Sinn geben, wo Worte nicht auslangen.

Warum die Freimaurer mit Symbolen und Ritualen arbeiten, läßt sich vielleicht auch damit erklären, daß im Alltag des Menschen eben nicht nur rationale Erwägungen den Ausschlag geben, sondern persönliche Erfahrungen, Eindrücke, bildhafte Vorstellungen und Assoziationen. Es ist daher nicht ausreichend, nur den Verstand zu schulen. Die Maurerei schafft mit ihren Symbolen und den rituellen Abläufen im Tempel konkrete Modelle, Bildwelten, gleichnishafte Eindrücke, die prägender sein können als verbale Appelle. Sie können für den einzelnen Bruder verbindlicher sein als ein bloß verbaler Verhaltenskodex. Sie definieren nichts und geben doch Richtungshinweise. Sie wirken nicht nur auf den Verstand, sondern sprechen den ganzen Menschen an. Ritual und Symbole sind verbindlich – und doch nicht eindimensional, sondern sehr differenziert, etwa in dem Sinn, in dem ein guter Roman mehr ist und weit vielschichtiger ist, als die kurze Zusammenfassung seiner "Aussage", seines "Anliegens". Aus diesem Grund ist der ständige Bezug der Freimaurerei auf ihre Steinmetztradition nicht Verbrämung, sondern etwas Zentrales: sie bedient sich der Formen dieses Handwerkes, um Modelle der Welt und des Arbeitens in ihr zu haben – Modelle, die durch ihre Schönheit, Vielschichtigkeit, Funktionalität so eindrucksvoll sind, daß sie die einzelnen Freimaurer besonders verpflichten, besonders motivieren und aktivieren. – Wichtig ist dabei auch, daß die masonischen Rituale und die Symbole, die den Freimaurertempel zieren, nicht erst vor kurzem ausgedacht und zusammengefügt wurden, sondern sich innnerhalb einer langen Tradition entwickelt haben. Sie reichen tief in Zeiten zurück, die von ganz anderen Vorstellungen geprägt waren als die letzten zwei, drei Jahrhunderte. Diese Formen aus einer vorcartesianischen Zeit, die gleichwohl in vieler Hinsicht den Weg des neuzeitlichen Weltbildes ebnen halfen, sind in gleichem Maße wertvoll wie Gebäude aus diesen frühen Jahrhunderten.

In den alten Bauhütten also wurde unter Beachtung bestimmter Formen über die Schönheit des zu errichtenden Baus, über das Zusammenwirken der Bauleute nachgedacht und technische Fertigkeiten und ästhetische "Geheimnisse" und Lebensregeln weitergegeben. Die einzelnen Abschnitte des Lebensweges wurden feierlich überhöht, um dem einzelnen Bruder zu Bewußtsein zu führen, daß das, was er tut und erlebt, von Belang ist und von ihm Bedacht verlangt. Die Stufen des Lernens wurden zelebriert - von Lehrling zum Gesellen, vom Gesellen zum Meister. Vor allem aber der Beginn, der Eintritt in die Gemeinschaft der Bauenden, die Rezeption, die die Form einer Initiation hatte. – Man könnte diese rituellen Abläufe mit einer Theateraufführung ohne Zuschauer vergleichen, bei denen jeder Anwesende aktiv mitwirkt und eine bestimmte Rolle zu erfüllen hat. In diesem Rahmen wurden z. B. die damals üblichen tatsächlichen Gesellenreisen gleichnishaft im Tempel wiedervollzogen und dabei feierlich überhöht: bestimmte Prüfungen, Erfahrungen, Erlebnisse und Lehren wurden den Brüdern auf diesen symbolischen Reisen mitgegeben, damit der Lehrling, der Geselle, bei seiner Beförderung und Erhebung in höhere berufliche Sphären nicht nur äußerlich, beruflich, vorankäme, sondern sich auch innerlich fortentwickle und veredle. – Diese spezifische Metaphorik ging am Ausgang des Mittelalters nahezu überall zugrunde und wurde eigentlich nur in England traditiert, wo sie allmählich eine Veränderung erfuhr: aus der Gemeinschaft von tatsächlichen Bauleuten, die ihre praktische Tätigkeit ideell zu vertiefen trachtete, wurde allmählich eine Vereinigung von Leuten unterschiedlichster Herkunft und Profession, die fanden, daß die Rituale der Bauhütten eine allgemeinmenschliche Bedeutung hatten und als Werkstätte für alle Menschen taugten. Dieser Übergang von der sogenannten "operativen" zur "spekulativen" Freimaurerei vollzog sich im Laufe des 17. Jahrhunderts, also einer Epoche, die man als Inkubationszeit des modernen wissenschaftlich-technischen Zeitalters bezeichnen könnte. – Gerade am Beginn des Zeitalters der Aufklärung fand die Maurergemeinschaft, die sosehr Traditionen und alten esoterischen Denkweisen verbunden war, von England aus eine reißende Verbreitung. Ein wesentlicher Grund dafür war wohl die schon in den alten Ritualen enthaltene Interpretation des Menschen als einen gemeinschaftlich Bauenden. Da die Logen vom Gedanken des gemeinsamen Baus durchdrungen waren, erschien diese Gemeinsamkeit des Arbeitens viel wichtiger als alle Unterschiede der Bauenden; als Bauende waren sie Gleiche unter Gleichen. So implizierten die Bauhütten jene Toleranz, die im 18. Jahrhundert allerorten expressis verbis zum Ausdruck kam.

Die Logen waren folglich ein Hauptbegegnungsort von Angehörigen verschiedenster Stände und unterschiedlicher Religionen – und auch ein Vehikel der Emanzipation von Unterdrückten und An den Rand Gedrängten. – Die Toleranzidee, der Gedanken der Menschenbrüderschaft und die hohe Rolle des kritischen Verstandes, der überkommene Vorurteile auflöst, standen im Mittelpunkt der meisten Bauhütten. Wesentlich erscheint mir auch, daß in der Zeit der Aufklärung als Ergänzung der rituellen Arbeit sogenannte "Baustücke", also Vorträge einzelner Brüder über bestimmte Themen, in vielen Logen Einzug fanden. Bei dieser Entwicklung war die Wiener Loge "Zur Wahren Eintracht" mit ihren "Übungslogen" bahnbrechend beteiligt. Auch heute werden in vielen Bauhütten – so etwa in Österreich – solche Baustücke im Rahmen der Logenarbeit gehalten. Nach der Arbeit und nach dem Brudermahl – der " Weißen Tafel" - erfolgt die Diskussion über den im Tempel gehaltenen Vortrag.

Die masonische Vernunft, die Verstand und Gefühl, Ratio und Intuition integriert, ist dabei ein Ideal, dem man sich realiter nicht leicht und mühelos annähert – wenn überhaupt. Auch die Brüderlichkeit der Freimaurer ist leicht zu fordern und schwer zu verwirklichen. Nach dem über den Tempel Salomonis und den babylonischen Turm Gesagten dürfte verständlich sein, daß die Konzeption der Freimaurerei als Bruderschaft nicht zufällig ist, sondern ein notwendiges Erfordernis. Die besondere Atmosphäre, in der man zusammenkommt, vertrauensvoll und freundschaftlich miteinander umgeht, ist unter anderem auch modellhaft zu verstehen: ein solches brüderliches Verhalten wird im Tempel gleichsam geübt und soll auch im Leben zur Gewohnheit werden. Nicht immer glückt dies und wohl selten in einem Ausmaß, das zufriedenstellt.

Es ist ja überhaupt so, daß Freimaurerei in vielfacher Weise mißglücken kann – die Logen können in sich zerfallen, Mitglieder können, von allen weisen Gleichnissen und Regeln unbeeinflußt, menschlich versagen, Bauhütten in vereinsmeierischer Kleinkariertheit versinken usw. Freimaurerei ist eigentlich immer eine Art von Wagnis und gleicht keineswegs einem Unternehmen, dessen Fortgang sicher vorhersagbar ist. Sie ist keine Rechenaufgabe, die stets aufgehen muß, kein Experiment, das stets ein gleiches Ergebnis hervorbringt. Sie ist eben eher eine Kunstfertigkeit, ja der Kunst selbst vergleichbar, die glücken kann, aber nicht muß – ebenso, wie auch ein Leben sinnvoll geraten oder scheitern kann. Die Bezeichnung der Freimaurerei als eine "königliche Kunst", die sie mit der Alchemie teilt, hat damit zu tun – und mit der Herkunft aus den Bauhütten der mittelalterlichen Kathedralen. Diese Benennung deutet weiter an, daß der maurerische Weg unter anderem ein ästhetischer ist, der die Wirkung bestimmter Symbole auf Auge und Ohr des Menschen einbezieht – und daß er mit dem kostbarsten Material arbeitet, das es gibt, mit dem Menschen und am Leben des Menschen.

Da die Freimaurerei, wie gesagt, den Menschen möglichst unreduziert, möglichst umfassend sehen und verstehen will, gehört dazu, daß der Mensch sterblich ist und daß er Anlage zum Guten wie Bösen besitzt. – Die Problematik des Todes wird daher im Ritual in einer Form behandelt, die jeden Bruder persönlich und individuell mit der Tatsache seiner Sterblichkeit konfrontiert und ihn auffordert, dem in seiner Weise Rechnung zu tragen. Dies und besonders die Beschäftigung mit dem realen und potenziellen Bösen wurde auch in einem Raum der Ausstellung anzudeuten versucht. Das masonische Ritual führt dem einzelnen Bruder nachdrücklich zu Bewußtsein, wie leicht er Opfer von Unrecht und Inhumanität sein kann, und zeigt ihm zugleich, daß er selbst es sein könnte, der Unrecht tut, daß er also potenziell Opfer und Täter sein kann. Es ist nicht angenehm und bequem, diese Abgründe in sich selbst auszuloten, doch um sie zu vermeiden ist es wesentlich, sie zu kennen.