Von der Widersprüchlichkeit und Aktualität der Freimaurerei

Die Freimaurerei wurde von mir als Wagnis bezeichnet und als eine Sache, die glücken kann, aber nicht muß. Dies trifft dabei meiner Meinung nach nicht nur im kleinen Maßstab zu, indem eben eine bestimmte Loge oder Großloge besser oder schlechter den masonischen Idealen nachstreben kann, sondern auch im Großen: Nicht für jede Generation, nicht in jeder Zeit, kann sich die Freimaurerei gleich günstig entfalten.

Das hängt von den äußeren Verhältnissen ab, also dem Maß an Liberalität im eigenen Land, und von der Ernsthaftigkeit ihrer Mitglieder, besonders aber auch von der allgemeinen Zeitcharakteristik, also welche Probleme und Aufgaben der jeweiligen Epoche gegeben sind. Die Freimaurerei hat sich im ausgehenden 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, als ungemein funktionell erwiesen. Ihre Methode konnte damals besonders nutzbringend angewendet werden. In den darauf folgenden Zeitperioden war dies nicht mehr im gleichen Ausmaß der Fall.

Ich halte es für möglich, daß in unserer Gegenwart und unmittelbaren Zukunft das masonische Instrumentar wieder besondere Attraktivität und Funktionalität gewinnt. Gerade ihre Widersprüchlichkeit, ihr Rationalismus verbunden mit ihrer spezifischen Esoterik, die sich in Symbol und Ritual manifestiert, ihre Verbindung von Ratio und Gefühl, scheint mir geeignet, vielen Menschen Orientierungshilfe in einer sehr schwierige Lage zu geben: Die Entwicklung, die mit der Gründung der modernen Wissenschaft und Technologie sowie des aufgeklärten Denkens im 17. und 18. Jahrhunderts eingeleitet wurde, hat zum Teil großartige Resultate gezeitigt, doch wissen wir heute, daß wir für sie einen sehr hohen Preis zahlen, einen Preis, der bald zu hoch sein wird, oder vielleicht jetzt schon zu hoch ist. Was also ist zu tun, wie also kann man eine Kurskorrektur vornehmen und von der geradezu manischen Instrumentalisierung der Natur und des menschlichen Verstandes wegkommen, ohne deshalb die aufgeklärt-humanistischen Grundlagen, auf denen wir stehen, aufzugeben?

Darauf kann es wohl keine einfachen und leichten Antworten geben. Die Freimaurerei hat dabei überhaupt keine Antworten, kann sie gar nicht haben. Sie hat aber Werkzeuge, Methoden, Modelle, die nicht-reduktionistisch sind und die sich für verführerisch einfache, einseitige Lösungen nicht eignen. Sie könnten hilfreich sein, wenn man versucht, einen Bau, der immer mehr dem Turmbau zu Babel gleicht, auf ein menschliches Maß hinzuführen.